Von Friedrich Hasse  |  in Allgemein

Scientific American: Gute Leser subvokalisieren weniger

Foto: Scientific American, www.scientificamerican.com

Und wieder einmal bestätigt die wissenschaftliche Leseforschung, was wir, basierend auf unserer jahrzehntelangen praktischen Erfahrung, schon lange wissen 😉 … in diesem Fall geht es um das Thema „Subvokalisieren“ – die berühmte innere Stimme, die das Lesen im Normalfall ununterbrochen begleitet und unnötig verlangsamt.

In seiner aktuellen Ausgabe (9/2016, S. 15) berichtet das renommierte US-amerikanische Wissenschaftsmagazin „Scientific American“ von einer Studie der San Diego State University, die nachweist, dass erfahrene Leser nicht vollständig auf Subvokalisieren/inneres Mithören angewiesen sind: Beim Lesen gleich klingender Wörter mit völlig unterschiedlicher Bedeutung wie z.B. „hair“ (= Haar) und „hare“ (= Hase) wurden in einem Experiment unterschiedliche Neuronengruppen aktiviert. Die Forscher schlossen daraus, dass visuelle und phonologische Eindrücke an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgespeichert sind. Mehr noch: Die rein visuellen Eindrücke werden entwicklungspsychologisch höher bewertet, sie seien „entscheidend, um ein fortgeschrittener Leser zu werden“.

Zu einem ähnlichen Resultat gelangte bereits der französische Neurowissenschaftler Stanislas Dehaene, einer der weltweit berühmtesten Leseforscher, in seinem Buch „Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert.“ – nur dass hier die beiden Bereiche (visuell/phonologisch) eher als gleichwertig behandelt werden.

Gegen Ende des „Scientific American“-Beitrags wird die – aus meiner Sicht voreilige – Schlussfolgerung gezogen, dass schon beim Lesenlernen in der Grundschule das phonologische Lesen (die Wörter laut aussprechen) gegenüber dem rein visuellen Lesen „der falsche Weg sei“. Wie aus dem Artikel selbst jedoch ausdrücklich hervorgeht, bezieht sich das rein visuelle Lesen auf das fortgeschrittenes Level von bereits erfahrenen, erwachsenen Lesern; außerdem wird angedeutet, dass rein visuelles Lesen nur bei einfachen bzw. stark automatisierten Wörter oder Wortverbindungen möglich ist. Auch der erfahrene Leser wird daher immer wieder auf den „phonologischen Weg“ zurückgreifen müssen, sobald es um anspruchsvolleres oder unbekanntes Textmaterial geht.

Genau so vermitteln wir es auch in unserem Improved Reading-Training: Das Subvokalisieren sollte in der Regel nicht „ausgeschaltet“, sondern reduziert werden (außer bei den wenigen Menschen, die ein vollständig visuelles Lesen beherrschen), weil ansonsten ein hoher Frustrationseffekt oder gar Leseschäden zu befürchten sind. Gleichzeitig spielt das aktive, bewusste Mithören besonders wichtiger Sinnsignale (Namen, Begriffe, …) auch eine wichtige Rolle bei der Verankerung der Informationen im Langzeitgedächtnis.

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