
Der Mensch ist eigentlich nicht „fürs Lesen geschaffen“: Es gibt keine speziell menschlichen Hirnareale für das Lesen, sondern der Mensch hat neuronale Regionen für das Lesen „recycelt“, die früher anderen Zwecken dienten, z.B. der Spurensuche bei der Jagd.
Diese These hat der weltweit bekannte Leseforscher Stanislas Dehaene bereits vor mehreren Jahren in seinem bahnbrechenden Werk „Lesen. Die größte Erfindung der Menschheit und was dabei in unseren Köpfen passiert“ dargelegt. Jetzt scheint sie durch aktuelle Studien anhand des „Leseverhaltens“ von Tauben bestätigt zu werden.
Das Wissenschaftsmagazin „Spektrum“ berichtete jüngst, dass neuseeländische Forscher herausgefunden haben, dass Tauben in der Lage sind, einfache, vierbuchstabige Wörter voneinander zu unterscheiden. Das Erstaunliche daran ist, dass sie sich nicht bloß die äußere Wortform als Bild einprägten, sondern „auch einige statistische Regelmäßigkeiten der englischen Orthografie – beispielsweise, dass „N“ und „G“ oft aufeinanderfolgen“. Außerdem zeigte sich, dass die Tauben ebenso wie Menschen oft dazu neigten, Wörter zu verwechseln, bei denen der erste und letzte Buchstabe gleich sind und ldeigilch enniige Bchtsuaben im Wrtoinnren vertauscht worden sind. (Kein Problem, stimmt’s?)
All diese Erkenntnisse legen nahe, dass sogar Tauben mit entsprechendem Training in der Lage sind, bisher anderweitig genutzte Hirnareale fürs Lesen „umzufunktionieren“ – vermutlich genau so, wie dies einst auch den Menschen gelungen ist, als sie z.B. aus einer Astgabel ein „Y“ machten…
Und weil Lesen daher nichts „Naturgegebenes“ ist, lohnt es sich, wenn wir auch als Erwachsene unsere Lesegewohnheiten hinterfragen und trainieren – statt uns nur einmal in der Grundschule damit zu beschäftigen.
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