Von Friedrich Hasse  |  in Allgemein

Speed Reading App “Spritz” in der Kritik

Die Speed Reading App “Spritz”, die zeitweilig von vielen Medien (bis hin zur BILD-Zeitung) “gehypt” wurde, wird im folgenden Beitrag des Wissenschaftsmagazins “Spektrum” kritisch betrachtet: http://www.spektrum.de/news/schnelllese-apps-hemmen-das-textverstaendnis/1283137

Zweck dieser Schnelllese-App ist, dass Texte Wort für Wort und in rasender Geschwindigkeit auf einem Display eingeblendet werden, so dass das Lesetempo drastisch steigt. Das jeweils vorher angezeigte Wort verschwindet sofort, nachdem es gelesen wurde.

„Spritz“-Kritiker auf dem Holzweg…

An diesem “Verschwindenlassen des Textes” wird kritisiert, dass das Verständnis leidet, weil keine Möglichkeit besteht zurückzuspringen: “Den Inhalt dieser Sätze erfassten die Versuchspersonen schlechter, wie ein anschließender Verständnistest zeigte. Das galt nicht nur für komplizierte, zweideutige Formulierungen, sondern auch für simple Satzstrukturen. Blieb der Text dagegen sichtbar, verstanden ihn die Probanden besser – egal, ob ihr Blick während des Lesens tatsächlich zurück sprang oder nicht.”

Fragt sich nur: Warum eigentlich? Dazu weiter unten…unplausibel finde ich aber vor allem die Schlussfolgerung:

“Die Forscher schließen daraus, dass Menschen immer dann Textteile noch einmal lesen, wenn sie einen Denkfehler korrigieren möchten, der sie beim ersten Mal verwirrt hat. Solange das nicht notwendig ist, weil man den Sinn des Satzes ohnehin schon erfasst hat, schadet auch eine Schnelllese-App nicht.”

Geht das wirklich aus dem vorher Gesagten hervor? Dort hieß es, dass das Verständnis steigt, wenn der vorherige Text einfach nur sichtbar bleibt, egal, ob das zum Zurückspringen (Regression) genutzt wird oder nicht. Der Fokus liegt also nicht auf dem Sachverhalt des Zurückspringens, sondern auf der Sichtbarkeit des vorher gelesenen Textes. Die an und für sich nachvollziehbare, aber auch etwas triviale Feststellung, dass ein (bewusstes) Zurückspringen notwendig sei, wenn man einen Denkfehler korrigieren möchte, geht an der eigentlichen Aussage vorbei. Interessant ist doch vielmehr, warum die bloße Tatsache, dass der Text nicht ausgeblendet wird, bereits zu einem besseren Verständnis führt.

Die Schlussfolgerung der Autorin erscheint mir regelrecht unsinnig: Eine Schnelllese-App schade nicht, wenn man den zuvor gelesenen Text bereits verstanden habe. Nun, die Entscheidung, ob man eine solche Speed Reading App nutzen möchte, hat man aber leider schon viel frühergetroffen – also: Pech gehabt, wenn sich im Laufe der Nutzung herausstellt, dass es mit dem Verständnis hapert!

Spritz-App: falsches Mittel für ein richtiges Anliegen

Aus unserer Sicht gehört das unwillkürliche, häufige Zurückspringen zu einem der grundlegenden Lesefehler, die die meisten Erwachsenen mit sich herumtragen. Das Problem einer Speed Reading App wie “Spritz” ist nicht, dass sie die Regression zu bekämpfen versucht, sondern dass sie dafür die falschen Mittel wählt – vor allen Dingen nämlich die Ein (und Aus-)blendung einzelner Wörter.

Grundlegend für schnelles Lesen ist die Erfassung mehrerer Wörter gleichzeitig. Dazu sind unsere Augen sehr gut in der Lage, was sich gerade in der deutschen Sprache anhand der zahlreichen Komposita (zusammengesetzte Wörter) beobachten lässt, die wir problemlos mit einem Blick erfassen, z.B. “Sonnenschein”.

Nur wenn es sich um getrennte Wörter handelt (z.B. “hier im Zug”), neigen wir dazu, die Lücken dazwischen für eine kurze Fixation (Blickstopp) zu nutzen, obwohl wir sie leicht bündeln könnten. Warum? Weil wir es in der Grundschule – kindgerecht und daher korrekt – so gelernt haben, aber im Erwachsenenalter keine “Aufbaustufe” erfolgte.

Speed Reading von Wort zu Wort?

Spritz erhebt diese Not zur “Tugend”, indem hier ganz bewusst nur Einzelwörter fixiert werden – streng genommen nur der mittlere Buchstabe dieses Wortes. Damit engen wir unseren natürlichen Blickfokus überflüssigerweise ein und die Regression wird sogar provoziert, weil wir vor lauter Einzelwörtern den Sinn nicht mehr verstehen. Dieser ergibt sich nämlich viel eher aus einer Wortgruppe.

Könnte es also sein, dass die verringerte Regression beim Lesen ohne eine Schnelllese-App wie “Spritz” damit zu tun hat, dass man hier zumindest die Chance hat, Wortgruppen zu lesen – und somit ein besseres Verständnis erzielt und weniger oft zurückspringen muss…? Gerade weil geübte Leser – selbst ohne Speed Reading Training – viele Formulierungen und Redewendungen schon intuitiv zu Wortgruppen bündeln, und einem diese Möglichkeit bei “Spritz” durch Ausblenden des vorigen Textes und Einblenden bloßer Einzelwörter genommen wird, scheint mir diese Vermutung plausibel.

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