Von Friedrich Hasse  |  in Allgemein

Speed Reading mit Tolstois “Krieg und Frieden”

Foto: Improved Reading

Kennen Sie diesen berühmten Witz von Woody Allen? “Ich habe neulich an einem Speed Reading-Kurs teilgenommen und ‘Krieg und Frieden’ in einer Stunde gelesen. Es geht um Russland.”

Seit ich vor 13 Jahren meine Karriere als Lesetrainer begann, wollte ich mich der Herausforderung stellen, dieses monumentale Werk (fast 2.300 Seiten in der Neuübersetzung von Barbara Conrad) tatsächlich einmal zu lesen – unter Anwendung all dessen, was ich in Sachen Lesetechnik gelernt habe und anderen vermittle.

Vor ein paar Wochen, in meinem Winterurlaub, habe ich “Krieg und Frieden” gelesen: Seite für Seite, Zeile für Zeile, ohne irgendetwas auszulassen (nein, hier habe ich den „Mut zur Lücke“ nicht aufgebracht, der ja durchaus auch zum Repertoire effizienter Lesetechnik zählt). Nicht eine Stunde, nicht einen Tag, nicht eine Woche – insgesamt zwölf Tage habe ich überwiegend mit dieser Lektüre verbracht (unterbrochen von Spaziergängen, Schwimmen, Sauna und womit man sich sonst den Berliner Winter versüßen kann).

„Speed Reading“ und „Krieg und Frieden“ – zwei Erkenntnisse:

1.) Was auch immer Woody Allen in seinem Speed Reading-Kurs gelernt hat – es hat ganz sicher wenig mit dem zu tun, was ich in meinem Training unterrichte und selbst anwende. Egal ob sein Witz auf einer realen Erfahrung beruht oder einfach ausgedacht ist – viele Menschen haben tatsächlich die Vorstellung, dass Speed Reading-Techniken dazu führen, dass man in ein bis zwei Sekunden den Inhalt einer kompletten Seite erfassen könnte (1,5 Sekunden für jede der 2.300 Seiten “Krieg und Frieden” = ungefähr eine Stunde). Das ist meinem Verständnis nach definitiv nicht möglich – nicht einmal das, was wir als “Vorausschau” bezeichnen (eine Vorab-Sichtung des Textes mit Blick auf die Hauptgedanken) ließe sich in dieser kurzen Zeitspanne bewältigen.

Leider neigt auch die wissenschaftliche Lese-Forschung immer wieder dazu, alles, was mit Verbesserung der Lesetechnik zu tun hat, unter einen völlig übertriebenen Begriff von “Speed Reading” zu subsumieren – um dann mühelos nachzuweisen, dass das nicht funktioniere (siehe meinen letzten Blog-Beitrag vom 22.1.).

2.) Wie auch immer ich vor meinem ersten Improved Reading-Kurs gelesen habe – in dieser Zeit und in dieser Intensität hätte ich “Krieg und Frieden” nie lesen können. Als eingefleischter Perfektionist und Wort-für-Wort-Leser lag mein Lesetempo damals überwiegend bei deutlich unter 200 Wörtern pro Minute (WpM). Bei dieser Geschwindigkeit hätte ich etwa den doppelten Urlaub benötigt oder – was wahrscheinlicher ist – die beiden Bände hätten monatelang bei mir herumgelegen, so dass ich immer wieder den Faden (und die Lust) verloren hätte. Bei einem so komplexen Handlungsstrang wie “Krieg und Frieden” ist – meiner Erfahrung nach – ein zügiges Lesetempo gerade Voraussetzung für hohen Lesegenuss. Wie sollte ich mich sonst, nach mehreren Monaten, in der Mitte des zweiten Bandes noch erinnern, dass der russische Diplomat Bilibin bereits am Anfang des ersten seinen vormaligen Auftritt hatte – und worin genau seine Beziehung zu Fürst Bolkonski bestand? (Ein Personenregister gibt es – leider – nicht; allerdings sind Anzahl und Beziehungen der wichtigen, immer wiederkehrenden Figuren weniger verwirrend, als ich anfangs befürchtet hatte.)

Bei einigen Stichproben kam ich auf ein reines Lesetempo von gut 350 WpM (ohne Anmerkungen und Unterstreichungen). Das ist deutlich unter dem Schnitt der Improved Reading-Teilnehmer am Kursende (510 WpM), allerdings handelt es sich nun mal um “schöne Literatur”, die ich bewusst langsamer lese als Sachtexte, wie wir sie im Kurs verwenden.

Speed Reading-Tipps für “Krieg und Frieden”:

Basierend auf meiner Lese-Erfahrung möchte ich Ihnen hier ein paar Tipps auf den Weg geben, wie Sie mithilfe von Speed Reading- und anderen Techniken Ihren Lesegenuss steigern – bzw. angesichts des großen Textvolumens überhaupt ermöglichen können:

– Die Variation der Lesegeschwindigkeit ist einer der hilfreichsten Techniken, im Grunde bei jeglicher Lektüre. Es gab erstaunlich wenig Passagen, die ich regelrecht langweilig fand (auch und gerade die langen Schlachtenbeschreibungen nicht, wie ich anfangs befürchtete); z.B. bei der ausufernden Beschreibung einer Wolfsjagd, wofür ich mich nun gar nicht interessiere, oder einigen detaillierten Landschaftsbeschreibungen las ich deutlich schneller, während ich bei den tiefgründigen philosophiegeschichtlichen Betrachtungen das Tempo reduzierte.

– Auch die Technik bzw. Anzahl meiner Blickbewegungen habe ich den Inhalten angepasst: Je nach Schwierigkeitsgrad (und Interesse) habe ich jede Zeile dreimal oder nur zweimal fixiert.

– Ein gutes Timing hat meinen Lesegenuss unterstützt: In der Regel habe ich 50 Minuten am Stück konzentriert gelesen und danach eine Pause gemacht. In der Pause konnten sich meine Augen ein wenig ausruhen, und ich hatte Gelegenheit, über die Inhalte nachzudenken, wodurch ich sie mir gleich viel besser eingeprägt habe.

– Gut bewährt hat sich der Wechsel zwischen Lesen und Wellness (Schwimmen, Sauna, …) mit einer ausgedehnten Mittagspause zwischendrin (selber kochen, dann autogenes Training oder Mittagsschlaf). Von morgens bis abends einfach nur lesen funktioniert nicht, egal mit welcher Methode…

– In regelmäßigen Abständen habe ich mir unbekannte Fremdwörter (meist russischer, französischer oder altdeutscher Herkunft), die häufig vorkamen und im Anhang nicht erklärt waren, in einem Fremdwörterlexikon nachgeschlagen – um meinen Wortschatz mit typischem “Krieg und Frieden”-Vokabular zu bereichern und mein Lesetempo nicht durch mangelnde Wortkenntnis unnötig abzubremsen (Tschako, Britschka, Trumeau, Ridikül, Protzen, Kratzfuß, …).

– Regen Gebrauch machte ich von vielen kleinen gelben Post-Its (auf dem Foto sichtbar), mit denen ich sowohl die neu gelernten Fremdwörter (zum Wiederholen) als auch besonders denkwürdige Textstellen hervorhob, damit ich in den nächsten Monaten und Jahren beim nostalgischen Blättern in diesem Riesenwerk meine Leseeindrücke schnell aktualisieren kann.

– Oft habe ich Eindrücke oder eigene Interpretationen noch einmal schriftlich festgehalten, strukturiert oder nach Art eines zeitlich begrenzten reinen Brainstormings.

Meine Speed Reading-Empfehlung: Lesen Sie „Krieg und Frieden“ einmal selbst! Ein Vademecum der Lebenskunst und der Menschenkenntnis, dabei weder Roman noch Geschichtskompendium – und, ja, es geht um weit mehr als “um Russland”.

…aber vielleicht vorher doch noch ein Speed Reading-Training besuchen! 😉

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