Von Friedrich Hasse  |  in Allgemein

Studie behauptet: „Speed Reading bringt wenig!“

In einem aktuellen Beitrag des Wissenschaftsmagazins „Spektrum“ wird die Übersichtsarbeit einer US-amerikanischen Forschergruppe vorgestellt, die verschiedene Studien der letzten Jahre rund ums Thema „schneller lesen“ bzw. „Speed Reading“ auswertet und zusammenfasst. Tenor: „Wer im Eiltempo liest, bekommt meist auch weniger vom Text mit.“

Nun, erstaunlicherweise haben wir zu vielen Kernaussagen der Untersuchung gar keinen Widerspruch! Einiges davon findet sich in dem ausführlichen Originaltext (26 pdf-Seiten in Englisch), der sich sehr zu lesen lohnt. Hier einige Anhaltspunkte…

Berechtigte Kritik an Speed Reading

  • Digitale Anwendungen, mit deren Hilfe Einzelwörter rasend schnell eingeblendet werden (ausdrücklich genannt z.B. „Spritz“) sind Unfug: Einerseits weil nicht die Augenbewegungen das „Problem“ (sprich: die Tempobremse) sind, denn diese machen nur etwa 10% der Lesezeit aus; andererseits, weil damit der Textzusammenhang zerstört und das Verständnis verringert wird.
  • Informationen, die wir nur über das periphere Blickfeld aufnehmen, werden tatsächlich schlechter oder gar nicht verarbeitet. Daher ist es auch unserer Ansicht nach keine gute Idee, eine ganze Zeile, mehrere Zeilen, ganze Absätze oder gar Buchseiten auf einmal erfassen zu wollen.
  • Nicht sinnvoll ist das vollständige Unterdrücken der „inneren Stimme“ beim Lesen („Subvokalisieren“), weil diese eine wichtige Rolle bei der Worterkennung und beim Verständnis spielt, vor allem bei bedeutungstragenden und schwierigeren Wörtern. Die kleinen „Arbeitspferdwörter“, also Artikel, Pronomen, häufige und sehr vertraute Adjektive/Nomen etc. können hingegen – bei ausreichender Leseerfahrung – schon rein visuell erfasst werden. Wir empfehlen ein Zusammenspiel von auditiver und visueller Worterfassung (wie es auch der bekannte Leseforscher Stanislas Dehaene in seinem Buch Reading in the Brain (2009) nahelegt – inzwischen geradezu ein Standardwerk zur aktuellen Leseforschung, das leider nicht erwähnt wird).
  • Es wird zu Recht darauf hingewiesen, dass ein maximales Textverständnis als „Idealziel“ keineswegs immer sinnvoll sei – dass es daher sehr wohl zu einem intelligenten Leseverhalten gehört, manche (weniger wichtige, schon einmal gelesene, …) Texte bewusst so schnell zu lesen, dass dabei weniger Verständnis erzielt wird (z.B. Überblickswissen oder Einzeldetails). „The central idea is that one does not need to read the same way for every reading goal.“
  • Schließlich gibt es diese Aussage, die sich fast wie eine Zusammenfassung unseres Trainings liest: „Unsurprisingly, reading speed varies greatly among individuals, most notably as a function of reading skill: Fast readers make shorter fixations, longer saccades, and fewer regressions than slow readers.“ Als Basisvoraussetzung dafür wird die automatisierte Worterkennung, also eine genügende Leseerfahrung benannt – auch hier sind wir vollkommen d’accord.

Soweit die Übereinstimmungen. Wieder einmal zeigt sich, dass die wissenschaftliche Kritik an „Speed Reading“ unseren Ansatz großenteils überhaupt nicht berührt. Die dem hier vorgestellten Überblick zugrundegelegte Definition von „Speed Reading“ basiert explizit auf dem von Evelyn Wood popularisierten Ansatz aus den 1950er/60er Jahren (S. 22 im pdf-Dokument). Dieser beinhaltet in der Tat zahlreiche von der Forschung widerlegte Annahmen – so eben die, dass gleich gutes oder gar höheres Textverständnis auch dann noch möglich sei, wenn die Augen nur „im Zickzack“ und teils sogar entgegen der Textrichtung über die Seite bewegt werden oder wenn die innere Stimme vollständig eliminiert wird.

Einige Missverständnisse zum Thema „Speed Reading“…

Nicht einverstanden sind wir allerdings auch mit einigen Punkten…und berufen uns dabei u.a. gern auf unsere tagtägliche, inzwischen fast 50-jährige praktische Erfahrung in unseren Kursen:

  • Sinnvolle Ansätze, wie sie Deutschlands führender Leseforscher Ralph Radach kürzlich in einem Beitrag des Hamburger Abendblatts empfohlen hat, werden ausgeblendet bzw. mit den vielen übertriebenen oder „sensationalistischen“ Ansätzen in einen Topf geworfen: so etwa die maßvolle Reduzierung der inneren Stimme oder das Erfassen von Wortgruppen – in einem Umfang von ca. zwei bis drei Wörtern, also nicht ganze Sätze oder Absätze auf einmal. Hier finden Sie eine umfassende Übersicht über die wissenschaftlichen Belege für unseren Speed Reading-Ansatz.
  • Optische und kognitive Aspekte des schnellen Lesens („Augengeschwindigkeit“ vs. „Denkgeschwindigkeit“) werden gegeneinander ausgespielt anstatt zusammengeführt: Mehrfach heißt es, das Lesetempo sei keine Frage der Blickbewegungen, sondern der Vertrautheit mit dem Wortschatz – weshalb man einfach nur möglichst viel lesen müsse, um „ganz von allein“ schneller zu lesen. Natürlich werden unsere Blickbewegungen – im „Normalzustand“, ohne Lesetraining – maßgeblich dadurch beeinflusst, wie gut wir die Wörter kennen (so dass wir z.B. in einer Fremdsprache deutlich langsamer lesen). Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Das Training der Blickprozesse (Beschleunigung, aber auch die richtige Blickführung) bewirkt seinerseits eine schnellere kognitive (gedankliche) Verarbeitung des optischen Inputs – ausreichende Vertrautheit mit Wortschatz und Thema vorausgesetzt. Das kann jeder für sich selbst ausprobieren, wenn öfter mal die Gedanken beim Lesen abschweifen. Einfach schneller lesen – und Sie merken, dass Sie mehr bei der Sache bleiben, einfach weil das Gehirn stärker und angemessener gefordert wird. Es ist eben – wie Prof. Radach in dem erwähnten Beitrag sagt – „eine Frage des Trainings“. Die Forschung legt aber viel zu häufig immer noch den Status quo des Lesens als ultimativen Bezugspunkt zugrunde.
  • Schließlich wird als „normales“, d.h. mit gutem Verständnis zu bewältigendes Lesetempo eine ganz erhebliche Bandbreite von „200 bis 400 Wörtern pro Minute“ (WpM) angenommen: Unserer langjährigen Erfahrung nach lesen die allermeisten Menschen im Bereich 200-300 WpM (durchschnittlicher Anfangswert in unseren Kursen: 249 WpM. Selbst eine „bescheidene“ Steigerung um 50%, wie wir sie bei unserem Training in der Regel als Minimum erwarten, läge daher in den meisten Fällen immer noch im Bereich des von den Forschern für „realistisch“ gehaltenen Bereichs. Und bei welcher anderen Tätigkeit können mit relativ geringem Trainingsaufwand (bei uns 2 Tage) 50% Verbesserung erzielt werden? Und wieviel Zeit könnte damit übers Jahr gewonnen werden – bei all jenen, die tagtäglich viele Stunden mit Lesen verbringen müssen oder wollen? Viele Wissenschaftler scheinen leider kaum zu differenzieren zwischen den beiden Extrempolen „normal lesen“ und „viel zu schnell lesen“. Genau dazwischen liegt aber das spannende Potenzial! Übrigens liegt das Textverständnis bei unseren Kursteilnehmern am Anfang bei durchschnittlich 64% – die durchgängig vorausgesetzte Annahme, dass mit dem normalen Lesetempo auch gutes Verständnis erzielt wird, erscheint uns daher mindestens problematisch.

Heißt „langsam“ wirklich immer „gut“…?

Einer Kernaussage in der „Conclusion“ möchten wir daher entschieden widersprechen: „There is a trade-off between speed and accuracy in reading, as there is in all forms of behavior.“ („Geschwindigkeit geht beim Lesen auf Kosten des Verständnisses, wie bei allen Verhaltensweisen.„, eigene Hervorhebung)

Das sollte man mal sinngemäß auf sehr langsames Fahrradfahren oder Klavierspielen oder auf Zwei- statt Zehn-Finger-Tippen übertragen! Solche pauschalisierten Aussagen gehen an der Sache vorbei – es kommt eben immer aufs „Wie“ und aufs „Wieviel“ an…

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